Page 11 - Ausgabe 4/2020 "alt & jung"
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von Dr. Georg Paul Hefty
Die Senioren sind die wahren Zeitzeugen
Dr. Georg Paul Hefty von Anfang 1981 bis zu seinem Ruhestand im Jahr 2012 Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Von 1986 bis 1993 verfolgte er als Korrespondent den Wandel Ungarns von der kommunis- tischen Volksrepublik zur demokratischen Republik. Bei der FAZ war er für die Seite „Zeitgeschehen“ ver- antwortlich.
Die Senioren-Union hat einen einzigartigen Vor- zug gegenüber allen
anderen Vereinigungen und Gliederungen der CDU: Ihre Mit- glieder sind ausnahmslos Zeit- zeugen der deutschen Einheit, sie haben das Geschehen er- wachsen miterlebt. Sie können mit Fug und Recht den jüngeren Parteifreunden die Ereignisse schildern und erläutern – und sollten es tun. Dazu gehört, ein- zelne Gesichtspunkte in Erin- nerung zu rufen, die meist uner- wähnt bleiben. Zum Beispiel, dass Bundeskanzler Helmut Kohl vom Amtsantritt bis zur Vollen- dung der Einheit auf entschie- den heiklere Umstände traf, als dies in Ost und West gewärtig war und ist.
Seit drei Jahrzehnten ist es üblich, dem späten Michail Gor- batschow für seine Zugeständ- nisse nach dem Fall der Mauer zu danken; Kohl hat diese Tra- dition begründet, der heute Bundespräsident Steinmeier folgt. Die volkstümliche Begrün- dung lautet, der damalige sowje- tische Generalsekretär habe mit Glasnost und Perestroika einen neuen Geist im Kreml geweckt, der schließlich die deutsche Ein- heit erlaubt habe. Das ist zwei- fellos richtig – doch das war nicht die Absicht und kann es vernünftigerweise auch nicht gewesen sein.
Gorbatschow, „mit vierund- fünfzig Jahren mit Abstand der jüngste Funktionär im Polit- büro“, wie Kohl in den „Erin- nerungen“ hervorhebt, wurde im März 1985 „einstimmig zum neuen Generalsekretär der KPdSU gewählt.“ Dies geschah gewiss nicht mit dem Ziel, bin- nen weniger Jahre das Ende des Ostblocks und der Sowjetunion hinzunehmen – im Gegenteil: Der Jüngste sollte die Macht des Kremls langfristiger si- chern, als es seine Vorgänger Andropow und Tschernenko vermocht hatten. Sein Auftrag war, Neues zu wagen, um das Alte zu festigen.
Was aber hätte ein durch- schlagender Erfolg von Glasnost und Perestroika für die Aussich- ten auf die deutsche Wiederver- einigung bedeutet? Mit einem raschen Aufschwung im Rücken wäre der Kreml nie und nimmer auf die Idee gekommen, seinen
westlichsten Vorposten aufzuge- ben, nicht nur wegen der 3600 Verträge, welche die DDR an Moskau banden, sondern auch weil das „Gleichgewicht des Schreckens“ es einer Super- macht nicht erlaubte, irgendein Einflussgebiet aufzugeben. So- lange Gorbatschow auf das Wie- dererstarken der Sowjetunion hoffte, hat er weder 1985 noch 1988 der Ost-Berliner Parteifüh- rung dringend geraten, sozusa- gen als Einstieg in die Perestro- ika mit der Grenzöffnung ernst zu machen.
Weil der Erfolg von Glasnost und Perestroika ausblieb, wurde die Sowjetunion Ende 1988 zu Zugeständnissen gezwungen, zuerst an die seit 1945 im Ost- block gefangenen Länder und dann, als die Mauer fiel, an das deutsche Volk und an Bundes- kanzler Kohl. Die angebliche Großzügigkeit des Kremls war nicht Ausdruck von Stärke, son- dern der Schwäche. Wer Gorbat- schows frühere Losungen nach wie vor verklärt, mag dem eige- nen Traum von einem Sozialis- mus nach – diesmal gefällig for- mulierten – Moskauer Richtlinien nachtrauern, hat aber nicht be- griffen, dass wir nur wegen der allen Anstrengungen trotzenden Unreformierbarkeit des kommu- nistischen Sowjetsystems einer Verlängerung der Teilung ent- gangen sind.
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