Page 33 - Ausgabe 2/2023 "alt & jung"
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Interview
Das Geld der Deutschen
Der grüne Zwanziger, der braune Fünfziger, der blaue Hunderter – Millionen Deutschen sind die Banknoten aus D-Mark-Zeiten
noch gut in Erinnerung. Es war das Geld, mit dem sie groß wurden, mit dem sie einen gewissen Wohlstand erreichten. Zum 75. Geburts- tag der D-Mark hat der Journalist Frank Stocker ein Buch geschrieben. Alt&jung sprach mit dem Autor über das Erfolgsmodell D-Mark.
Die älteren Menschen erin­ nern sich gern an die D­Mark­ Zeit. Manche haben noch immer einen grünen Zwanziger und ein paar Münzen zu Hause. Weinen die der guten alten Zeit hinterher?
Auch ich habe noch ein paar alte Münzen und Scheine zu Hause. Das hat aber nichts damit zu tun, dass ich der Zeit nachweinen würde. Vielmehr symbolisieren die Schei- ne und Münzen der D-Mark für mich, und wahrscheinlich auch für andere, eine extrem glückliche Epoche unserer Geschichte. Nach zwei Weltkriegen, nach Weltwirt- schaftskrise und NS-Diktatur, nach zweimaliger völliger Zerstörung des Werts des deutschen Geldes innerhalb von 25 Jahren, begann mit der Einführung der D-Mark am 20. Juni 1948 eine jahrzehntelange Ära des Friedens und des wachsenden Wohlstands in Westdeutschland.
Das Geld der Deutschen – was hat Sie daran so fasziniert, dass Sie darüber ein Buch geschrieben haben?
Es mag komisch klingen, aber am Anfang war es eine Banknote. Mir fiel ein 100-Mark-Schein von 1948 in die Hände – und der sah kom- plett anders aus als alle D-Mark- Scheine, die ich kannte. Ich ging dem nach und stellte fest, dass die ersten Scheine auf Basis von Druck- vorlagen hergestellt wurden, die zuvor schon für amerikanische Ak- tien verwendet worden waren. Das fand ich so faszinierend, dass ich mir dachte, da muss es noch mehr zu entdecken geben. Je mehr ich mich dann mit der Geschichte der D-Mark befasste, desto mehr er- staunliche und mir völlig unbe- kannte Aspekte entdeckte ich. Von der verwickelten Entstehungsge- schichte der Währungsreform über die erbitterten Auseinandersetzun-
gen um die Aufwertung der D- Mark in den 50er und 60er Jahren bis hin zu den turbulenten Ver- handlungen über die Währungsuni- on mit der DDR und schließlich der Einführung des Euro.
Wie konnte die D­Mark ein Mythos werden?
Es liegt wohl daran, dass die D- Mark die erste Erfolgsgeschichte war, auf die die Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg wieder kol- lektiv stolz sein konnten. Die zwei- te war dann die Fußball-Weltmeis- terschaft 1954. Andere Völker sind stolz auf ihre Flagge, auf ihre Ar- mee oder ihre Geschichte. Über diesen Themen schwebt bei uns aber stets das Grauen des Dritten Reichs. Die D-Mark wurde daher zu einem unbelasteten nationalen Er- satzsymbol, und die Bundesbank als ihre Hüterin wurde zu einer schier unangreifbaren Autorität.
Interview
 



















































































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