Page 35 - alt & jung 04/2021
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 »Sprache dient der Verständigung und hat auch eine wichtige Funktion für den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft.
Wissenschaften dar. An Hoch- schulen, Akademien, in For- schung, Fachzeitschriften und bei Stellenausschreibungen ist Englisch als internationale „Lin- gua franca“ längst anerkannt, weil es die Zusammenarbeit der Wissenschaftler und Unterneh- men weltweit erleichtert.
Der Kölner Germanist Karl- Heinz Göttert beruhigt denn auch ängstliche Gemüter, die mit Blick auf die zahlreichen An- glizismen bereits vor dem Zerfall der deutschen Sprache warnen. Nach seinen Studien werden ak- tuell weniger als zwei Prozent
Gesellschaft
 Sprache verändert sich, nimmt fremde Worte auf, integriert sie – bis sie oft nicht mehr als Fremdwörter erkannt werden. Die deutsche Sprache wimmelt von frühen Einflüssen aus dem Latei- nischen, Griechischen und Französischen („Appetit“). Aber wer weiß schon, dass das Wort „Steppe“ dem Russischen entlehnt wurde. Beim Begriff „Sauna“ hingegen dürften viele zurecht auf einen finnischen Ursprung tippen. Es gibt sinnvolle Anglizismen wie „Jeans“, weil es dafür keine deutsche Entsprechung gibt. Auch die Verwendung eines „Lifts“ scheint angemessen. Warum sich allerdings ein Ladengeschäft „Store“ nennt, Weihnachten in Werberkreisen amerikanisch als „X-mas“ oder die Zeitlupe als „Slow Motion“ eingeprägt hat, erschließt sich nicht. Die Freibur- ger Sprachwissenschaftlerin Helga Kotthoff hält Anglizismen für das neue „Imponier-Deutsch“ einer selbsternannten Elite, die sich international mit Fremdwörtern spreizt.
Es ist eben keine politische „Bilderstürmerei“, wenn für die Be- wahrung der Sprache von Goethe und Schiller gestritten wird. Wenn Sprachpanscher auch im Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk immer öfter über „homeschooling“ und „social distancing“ fabulieren, muss die Frage erlaubt sein, ob der von allen Gebüh- renzahlern finanzierte Rundfunk seinen Bildungsauftrag voll wahrnimmt. Jeder Zuschauer und Zuhörer hat den Anspruch – zumindest sprachlich – zu verstehen, was ihm der Sender im Pro- gramm anbietet. Anders stellt sich der Sachverhalt im Bereich der
des deutschen Wortschatzes von Fremdwörtern dominiert. Dass dazu auch Begriffe wie „Shampoo“, „Kostüm“ und „Fri- seur“ zählen, zeigt nur, wie weit sich importierte Begriffe relativ problemlos in unserer Alltags- sprache verankert haben. Ob der Einsendeschluss aber tatsächlich „deadline“ und der gemeinsame Fußball-Treff per Großleinwand wirklich „public viewing“ heißen muss, bleibt die Frage. Umso mehr, als „public viewing“ im Amerikanischen auch als Syno- nym für „Leichenschau“ verwen- det werden kann.
Wilfried Goebels
Journalist und freiberuflicher Kolumnist
  4|2021
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