Page 22 - Ausgabe 2/2022 "alt & jung"
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Mitgliedermagazin der Senioren-Union
Erika
Seit 1978 ist Erika Reinhardt Mitglied der CDU. Von 1985 bis 1990 war sie Vorsitzende der Kommunalpolitischen Vereinigung des
Kreisverbandes Stuttgart. Von 1975 bis 1984 wirkte sie als Mit- glied im Bezirksbeirat Wangen und von 1984 bis 1990 als
Reinhardt 90 Jahre
Stadträtin und stellvertretende Fraktionsvorsitzende. Im Jahr 1990 wurde sie in den Deutschen Bundestag gewählt, dem sie bis 2002, dem Ende der 14. Legislaturperiode angehörte.
Erika Reinhardt gehörte dem Bundesvorstand der Senioren- Union seit 1996 bis 2010 als stellv. Bundesvorsitzende an und
Ein Agressor wie Putin darf keine Chance haben
Es war an einem strahlenden Septembertag 1939. Ich ging in die zweite Klasse Grundschule und der Unter- richt hatte gerade begonnen, doch plötzlich wurde unser Unterricht gestört, von der Straße her ungewöhnliches Geräusch.
Alle liefen wir ans Fenster, auch unsere Lehrerin. Was wir sahen waren deutsche Soldaten zu Fuß, zu Pferde, mit Gewehren und Kanonen, sie marschierten zur Böh- mischen Grenze, die 15 km von uns entfernt war. Wir Kinder waren begeistert, nur unsere Lehrerin weinte, was wir damals nicht verstanden. Doch ihre Tränen habe ich nie vergessen, sie haben mich mein ganzes Leben be- gleitet, denn sie wusste was Krieg bedeutet.
Wir Jugendliche haben uns von Hitlers Propaganda leider einfangen lassen, wie in jeder Diktatur haben auch wir Falsches für Wahrheit gehalten. Doch der nicht enden wollende Krieg, das große Leid, die vielen Toten, Vermissten, zerbombten Städte, Menschen, die alles ver- loren haben und fast unüberwindbare Fluchtwege in Kauf nahmen nur um zu überleben, das alles hat mich geprägt. Ich habe es verdrängt, aber nie vergessen.
Am 24. Februar wurde das Undenkbare
zur Realität. Ein Stich in mein Herz!
Putin, in seinem Größenwahn und der Machtgier das Großreich Russland wieder zu schaffen, ist in die Ukraine einmarschiert. Ein Überfall auf ein freies Land, auf Men- schen, die nur in Frieden und Freiheit mit ihren Kindern und Familien leben wollen. Ich kann das Gefühl, das mich umgab, die Hilflosigkeit, nicht beschreiben, es war ein Stich in mein Herz. Ich war zurückversetzt in eine schlimme Zeit die ich erlebt hatte, aber vergessen wollte.
Sirenen, die Flucht in den Keller, die schreckliche Angst wenn die Bomben fielen und der Schrecken, wenn man das Glück hatte aus dem Keller wieder raus zu kommen, was alles zerstört war. Und das Schlimmste – die Toten.
Ich habe die Kriegserlebnisse verdrängt, aber nie vergessen. Warum hat man der Ukraine den NATO -Beitritt verweigert, warum waren For- malitäten wichtiger als der dringend not- wendige Schutz? Donbass und die Krim waren Warnzeichen, man hat sie igno- riert. Heute stehen wir dem fassungslos gegenüber.
Dieser schreckliche Überfallkrieg von Putin auf die Ukraine betrifft uns alle in Europa. Ja, es wird auch bei uns wirt- schaftliche Einbrüche geben, doch was ist das schon gegen das große Leid, das die Menschen in der Ukraine ertragen müssen.
Ich fühle und leide mit den Menschen in der Ukraine und hoffe von ganzem Herzen, dass das Leid bald ein Ende nimmt.
Ich habe den unsagbaren Hitler-Krieg, die Nachkriegszeit mit zehn Jahren russi- scher Besatzung erlebt und überlebt. Ich habe erfahren zu was Diktatoren im Stande sind. Ein Aggressor wie Putin darf keine Chance haben. Deshalb braucht die Ukraine jetzt unsere Hilfe und Unterstüt- zung auf allen Ebenen.
Damit unsere Kinder, Enkel und Uren- kel, in Frieden und Freiheit leben können, brauchen wir ein starkes Europa und eine starke NATO. Dafür einzustehen lohnt.
Erika Reinhardt
war langjährige Landesvorsitzende in Baden-Württemberg und ist heute Ehrenvorsitzende des dortigen Landesverbandes.
Fotos: privat

