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Aktuelles 2017

Morgen wird der Mensch zu Grabe getragen, der auf mein Leben und meine berufliche Laufbahn als ausländischer Politiker – lange Zeit ohne ihn persönlich zu kennen – den größten Einfluss ausgeübt hat und der zu meiner Heimat und zu Mitteleuropa eine außergewöhnliche Verbindung hatte. Es ist eine besondere Wendung des Schicksals, dass ich am Tag der Beerdigung des Altkanzlers Ungarn als Botschafter in der Bundesrepublik Deutschland vertrete.

Meine Deutschlandstudien begann ich an der Fakultät für Internationale Beziehungen im September 1983 in Moskau. Unser Professor teilte mit, dass wir uns von den vor uns liegenden viereinhalb Jahren vier mit der Bundesrepublik Deutschland beschäftigen würden, ein Semester wäre Österreich und der Schweiz gewidmet und über die DDR sollten wir ein nicht zu dickes Buch selber durcharbeiten. In diese Zeit fiel der Beginn der Laufbahn von Helmut Kohl als Bundeskanzler. Im Unterricht fiel sein Name am häufigsten, seine Reden, seine Schriften studierten wir am meisten. Am Anfang gab es natürlich riesige Vorbehalte ihm gegenüber, aber mit Michail Gorbatschow wurde die Betrachtung ausgeglichener. Das bekam später eine entscheidende Bedeutung, als die „2+4” Verhandlungen in Wirklichkeit in „1+1” Format abgeschlossen werden sollten. Als ungarischer Diplomaten-Anwärter war es für mich selbstverständlich auch eindeutig, dass der Kanzler schon damals, Mitte der achtziger Jahre neben den Großmächten sein besonderes Augenmerk auf die mitteleuropäischen Länder richtete. Wie sich später herausstellte, war das die wahre Stärke der Kohl‘schen Europapolitik. Die in den Berichten und Rückblicken der letzten Tage fast gänzlich fehlenden Bilder weisen auf „verräterische Erinnerungslücken“ hin – um die Worte eines von mir hoch geschätzten deutschen Journalisten zu benutzen.

Meine nächste bedeutende, aber nicht unmittelbare Begegnung mit Helmut Kohl ereignete sich im Spätsommer 1989. Ich hatte meine Laufbahn wenige Monate vorher als – wie sich später herausstellte letzter – DDR-Referent im ungarischen Außenministerium begonnen. Am Anfang dachte ich, das ist einer der langweiligsten Aufgaben. Dieses Lebensgefühl verließ mich bald. Die DDR-Bürger verweigerten in immer wachsender Zahl ihre Rückkehr, ungarische Bürger boten Tausenden Unterkunft und Versorgung, die demokratische Opposition öffnete für einige Stunden nicht nur symbolisch die Grenze. Als Ministerpräsident Miklós Németh und Außenminister Gyula Horn am 25. August 1989 aus Gymnich zurückkehrten, wo sie den Kanzler über die Entscheidung der ungarischen Regierung bezüglich der geplanten Genehmigung der Ausreise von DDR-Bürgern benachrichtigten, erhielt ich die Anweisung, die Verbalnote über die „Grenzöffnung” mit den Kollegen der Völkerrechtsabteilung vorzubereiten. Ich war nicht an der politischen Entscheidungsfindung beteiligt, wusste am Anfang nicht mal das Datum, in dem Text hatten wir die Stelle zunächst leer gelassen. Am 7. und 8. September 1989 begleitete ich den DDR-Botschafter zum Staatssekretär, damit er die Verbalnote übernähme, sowie seine überreiche, in der dann das historische Datum (11. September 1989, 0.00 Uhr) schon eingetragen war. Beim Hinausgehen wandte sich der Botschafter dann mir zu: „Weißt du, dass Ungarn damit die DDR verraten hat? Die am 13. August 1961 aufgezogene Mauer wird geöffnet, die DDR wird ausbluten.” Tatsache ist, dass die Berliner Mauer gefallen ist, dass durch die Lücke an der geöffneten ungarischen Grenze 55 000 DDR-Bürger ausgereist sind, gefolgt von Zügen aus Prag und Warschau in Richtung Bundesrepublik. Aber die DDR ist nicht ausgeblutet, denn in wenigen Wochen haben die DDR-Bürger selbst klargestellt, dass sie in einem freien, demokratischen, einheitlichen Deutschland leben wollen.

Nach der Grenzöffnung am 11. September haben sich die Ereignisse beschleunigt. In den beiden deutschen Staaten und auf internationaler Ebene folgten die Stellungnahmen schnell aufeinander, warum was nicht möglich sei, und warum man die Einheit Deutschlands vergessen solle. Helmut Kohl hat der Versuchung monatelang widerstanden, bis er dann im geeigneten Moment am 28. November 1989 seinen 10-Punkte-Plan veröffentlichte. Für die Weltgeschichte, oder zumindest die Geschichte Europas begann damit eine neue Epoche.  In dieser Zeit habe ich beschlossen, meine Doktorarbeit mit dem Titel „Von der Einheit bis zur Einheit – Pläne über die deutsche Einheit in der Zeit der Teilung und der Vereinigung Deutschlands“ zu schreiben. „Hauptdarsteller“ und historischer Held der Arbeit war eindeutig Helmut Kohl. Eine Erkenntnis der wissenschaftlichen Arbeit war übrigens für mich, dass die deutsche Einheit von keinem anderen Land eine dermaßen vollständige Unterstützung genossen hat, wie von Ungarn. Die Befürwortung war überwiegender als in Deutschland selbst. Aus verständlichen Gründen, denn einerseits hatten wir Ungarn keine Angst vor einem einheitlich werdenden Deutschland, andererseits war es für uns klar, dass das Erlangen unserer Unabhängigkeit erst durch ein einheitliches Deutschland möglich würde.

Meine vierte, und diesmal persönlichere Begegnung mit Helmut Kohl fand in Bonn statt. Als Mitarbeiter der Botschaft habe ich an der Organisierung der regelmäßigen deutsch-ungarischen Treffen auf höchster Ebene mitgewirkt. Für den Kanzler war es selbstverständlich, dass er zu der Schwesterpartei und zu deren Parteichef eine besondere Beziehung pflegte. Aber egal, wer der amtierende Ministerpräsident von Ungarn war, er wurde von Helmut Kohl jederzeit mit besonderer Aufmerksamkeit bedacht. Die Grenze war schon lange geöffnet, die Berliner Mauer gefallen, trotzdem hat Helmut Kohl es für notwendig gehalten, in rasenden Zeiten innerdeutscher und internationaler Entwicklungen im Dezember 1989 auf die Einladung von Miklós Németh nach Budapest zu reisen, auch wenn das Programm des Besuchs – ähnlich wie in Warschau – unterbrochen werden musste. Helmut Kohl hatte zu dem ersten demokratisch gewählten ungarischen Ministerpräsidenten eine besondere Beziehung, neben der politischen Unterstützung hat er József Antall sogar in dessen medizinischer Behandlung persönlich unterstützt. Wenn auch nur für ein paar Monate, hat auch Ministerpräsident Péter Boross seine Achtung und Vertrauen genossen. Als Gyula Horn ihn nach seiner Wahl in Bonn besuchte, und noch unter den Folgen eines schweren Verkehrsunfalles litt, bot ihm der Kanzler persönlich seine Hilfe bei der Fortbewegung an. Zu Viktor Orbán hatte der Altkanzler seit 1988 ein persönliches Freundschaftsverhältnis, das bis zu seinem Tode fortbestand. Viktor Orbán war einer der letzten, wenn nicht der letzte hochrangige Gast im April 2016 in Ludwigshafen. Dieses Treffen durfte ich schon als Botschafter von Ungarn in Berlin vorbereiten, und trotz der manchmal maßlosen Medienreaktionen konnten wir Zeugen eines ergreifenden Ereignisses werden.

1997 hat sich mein Fachgebiet geändert; von den bilateralen Beziehungen bin ich in die Welt der Europäischen Integration gewechselt. Der Anstoß dazu kam auch in diesem Fall von Bundeskanzler Kohl. Er war doch derjenige, der deutlich gemacht hat, dass die EU ohne Ungarn (und ohne die anderen mitteleuropäischen Länder) nur ein Torso bleibt. Während eines Festessens zu Ehren des ungarischen Staatspräsidenten Árpád Göncz im Mai 1991 ergänzte er in dem Text der Tischrede sogar per Hand, dass er Ungarns Beitritt zur Europäischen Union für 1996-97 visionierte. Unser Beitritt, wie auch „die blühenden Landschaften”, wurden zwar erst einige Jahre später zur Realität, dennoch besteht kein Zweifel daran, wem das politische Urheberrecht gebührt. Er war noch im Amt, als wir am 31. März 1998 mit den EU-Beitrittsverhandlungen begonnen haben, und die Abschlussphase der europäischen Vereinigung eingeleitet werden konnte.

Es war für mich eine besondere Freude und Ehre, einige Tage nach dem Treffen Helmut Kohls mit Viktor Orbán von seiner Frau Maike eine Einladung in den Bungalow zu erhalten. Wie das Schicksal so spielt, fiel mein Privatbesuch bei Herrn Altkanzler Helmut Kohl auf den 8. September 2016, auf den Tag also, an dem ich exakt 27 Jahre zuvor als DDR-Referent den Botschafter der Deutschen Demokratischen Republik in Budapest zur Entgegennahme derjenigen Verbalnote begleitete, über die später der Bundeskanzler sagte, dass diese der erste ausgeschlagene Stein aus der Berliner Mauer gewesen sei. Eine Kopie dieser Verbalnote habe ich ihm als Geschenk mitgebracht. Das war freilich ein kurzer Besuch, aber für mich ein Erlebnis auf Lebenszeit. Die Augen sagten alles. Ich erzählte kurz darüber, wie es damals gewesen war, als die großen politischen Entscheidungen, die die Einheit Deutschlands und Europas in Gang setzten, auf dem Schreibtisch eines Jungdiplomaten gelandet waren. Zum Abschied durfte ich seine Hand in meinen Händen halten.

Helmut Kohl lebte für die Vereinigung seiner Heimat und die Vereinigung Europas. Es war seine feste Überzeugung, dass Ungarn und Mitteleuropa darin einen Platz und eine Rolle hatten, haben und haben werden. Helmut Kohls Lebenswerk verpflichtet uns Ungarn und Mitteleuropäer, die Einheit auch nach dem Tod des Altkanzlers als Kraft des Zusammenhaltes der Länder und der Bürger Europas anzusehen.

Herr Bundeskanzler, ruhen Sie in Frieden!

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